Die Tochter einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin auf den Spuren der Vergangenheit – Nina Kruschewskaja-Fedotova zu Gast in Heidelberg und Augsburg.

Von Arndt Krödel

„Ich habe das ganze Leben davon geträumt, das Land meiner Geburt kennenzulernen.“ Manchmal werden Träume wahr. Nina Kruschewskaja-Fedotova wurde am 21. November 1943 als Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin in Augsburg geboren. Nun, im Alter von 70 Jahren, ist sie gewissermaßen nach Deutschland zurückgekehrt, „meine bittere Heimat“ nennt sie die Republik. Es ist eine Spurensuche nach langer Zeit, um mit eigenen Augen die Orte oder das, was von ihnen übrig geblieben ist, zu sehen, von denen sie bisher nur aus den Erzählungen ihrer 1976 verstorbenen Mutter wusste.

Gemeinsam mit Magdalena Melter, der Vorsitzenden des Freundeskreises Heidelberg-Simferopol, reiste die Ukrainerin für drei Tage nach Augburg, wo ihre Mutter im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeit bei den Messerschmitt-Werken leistete. Ermöglicht wurde ihr der Aufenthalt in Deutschland von Freundeskreis-Sponsor Manfred Lautenschläger.

In Augsburg durfte Nina Kruschewskaja-Fedotova (rechts vorne) mit Magdalena Melter vom Freundeskreis Heidelberg Simferopol (links) in einer historischen Tram fahren – aus der Fuchsschen Waggonfabrik. Foto: privat

Es ist ein bewegendes Schicksal, von dem Nina Kruschewskaja-Fedotova im RNZ-Gespräch erzählt. Im Juni 1942 wird ihre Mutter Anelja von den deutschen Besatzern von ihrem Wohnort in der nordwestlichen Ukraine nach Deutschland verschleppt, zusammen mit einer ganzen Gruppe von jungen Frauen. Als Zwangsarbeiterin muss sie täglich 16 Stunden bei den Messerschmitt-Werken in Augsburg schuften, die während der NS-Zeit Kampf- und Jagdflugzeuge für die deutsche Luftwaffe entwickelten und produzierten. Die Ernährung besteht aus Kohlsuppe und roten Rüben und es herrscht eine strenge Ordnung. Oft gibt es Schläge als Strafe. Im November des folgenden Jahres wird Nina geboren, in einem eigens zu diesem Zweck geschaffenen Lager für „Ostarbeiterinnen“. Wer ihr Vater war, weiß die Ukrainerin bis heute nicht. In der Geburtsurkunde des Augsburger Standesamts findet sich in der entsprechenden Rubrik nur die ominöse Zahl „517“. Auch ihre Mutter konnte ihr später dazu nichts Erhellendes sagen – von ihr weiß sie nur, dass ihr Vater am Ende des Krieges Einheiten von Zwangsarbeiterinnen führte, die den Schutt zerbombter Häuser beseitigten.

Dass deutsche Ärzte medizinische Experimente an den Kindern der Augsburger Zwangsarbeiterinnen durchführten, ist ein weiteres dunkles Kapitel, das an KZ-Vorgänge erinnert. Kruschewskaja-Fedotova hält es für möglich, dass neurologische Ausfälle während ihrer Kindheit damit in Zusammenhang standen. Ihr Besuch bei den ehemaligen Messerschmitt-Werken in Augsburg – der heutige Firmenname ist Premium Aerotec – wird für sie zu einem besonders bewegenden Moment. Die gesamte Geschäftsleitung erschien zur Begrüßung und unterstrich immer wieder ihr Bemühen, die Geschichte des Werks aufzuarbeiten, auch mit den Auszubildenden. Und noch eine Erinnerung an Augsburg wird sie wohl lange begleiten: die einstündige Fahrt mit einer eigens aus dem Depot geholten alten Straßenbahn durch die Fugger-Stadt. Wie sich herausstellte, war die Tram in der Fuchsschen Waggonfabrik in Heidelberg gebaut worden.

Nach 1945 kehrte Nina Kruschewskaja-Fedotova mit ihrer Mutter in das ukrainische Dorfleben zurück, wo die ehemalige Zwangsarbeiterin beschimpft wurde – in der Stalin-Zeit galten sie als Nazi-Kollaborateure. War ihre Mutter eine verbitterte Frau? Nein, sagt ihre Tochter: „Sie hat die Deutschen nie verurteilt“.

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