Wenn Gerd Guntermann eine Radtour macht, dann will er was erleben / Von Manfred Bechtel

Fernradler überlegen das ganze Jahr, wohin ihre nächste große Radreise gehen könnte. Gerd Guntermann hat sich dieses Nachdenken zumeist gespart. Denn für ihn war klar: Es geht wieder auf die Krim. Schon zehn Mal führte der Weg den inzwischen 61-Jährigen auf die Halbinsel im Schwarzen Meer, die Hälfte der Reisen unternahm er per Fahrrad, zuletzt im Sommer 2012.

Begonnen hatte es vor 20 Jahren. Der Eiserne Vorhang war gerade gefallen, der Osten war auf. Da hatte Guntermann, der als Erzieher in der Jugendhilfe arbeitete, die Möglichkeit, acht Wochen Urlaub zu nehmen. „Jetzt hast du Zeit, jetzt fährst du zum Ural!“, dachte er sich. Etwas Russisch konnte er. Kondition ist nicht sein Problem, er fährt jahraus, jahrein mit dem Rad. Sein Germans-Mountainbike war für Touren umgerüstet, Packtaschen hinten, Lenkertasche und Lowrider vorn. Zelt auf dem Gepäckträger, Spirituskocher, Gepäck auf ein Minimum beschränkt. Bei den Reisevorbereitungen erfuhr er, dass die Stadt Heidelberg gerade eine neue Partnerschaft begründet hatte: mit Simferopol, der Hauptstadt der Autonomen Republik Krim.

Guntermann hat gerne einen „einen persönlichen Bezug“ zu seinem Reiseziel; mit der Partnerstadt hatte er den gesuchten Bezug, und so entschloss er sich kurzerhand, statt zum Ural ans Schwarze Meer zu radeln. Er ignorierte Stimmen, die vor Radfahren im Osten warnten, gewann statt dessen einen Physikstudenten als Reisegefährten. Ihre Route führte zur Donau, weiter bis Budapest, durch die Puszta und über die Karpaten, wo es oft schwierig war, sich mit Lebensmitteln zu versorgen, denn die kleinen Dörfer wurden oft nicht mehr beliefert. Weiter durch die Ukraine nach Simferopol. Sie suchten möglichst wenig befahrene Straßen. Campingplätze gab es nicht, sie übernachteten im Wald oder hinter Gebüsch, möglichst weit weg von der Straße.

Fernradler

Petra Guntermann unternimmt manchmal mit ihrem Vater Gerd Radtouren. Die beiden fahren mit dem Tandem durch Deutschland. Vor 16 Jahren ging es auf die Krim, da war auch ihre Mutter Irina dabei, und Petra saß im Fahrradanhänger. Foto: Bechtel

Es war ein fürchterlich heißer Sommer, sie tranken sechs bis acht Liter Wasser am Tag. Einmal hielten sie auf der Krim an einem Gehöft. Da war eine alte Frau, die sieumWasser baten. Als sie sagten, dass sie aus Deutschland kommen, fing die Frau an zu weinen: Ein Teil ihrer Familie war im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen ermordet worden. Dann gab sie ihnen Milch von der Kuh, die im Hof stand. „Wir hatten um Wasser gebeten, und sie gab uns das wertvollste Getränk, das sie hatte“, erinnert sich Guntermann. „Sie hat uns zum Abschied unter Tränen umarmt. Das wird für mich bis zu meinem Lebensende eine berührende Geschichte sein!“

Nach 28 Tagen waren sie am Ziel. Aus Simferopol kam ihnen eine Staffel junger Radfahrer entgegen, später wurden die „Exoten aus dem Westen“ von der Stadtverwaltung offiziell empfangen. Drei Wochen genossen sie die herzliche Gastfreundschaft, ehe sie die Rückreise mit dem Zug antraten.

Dass sein Vater im Zweiten Weltkrieg, vermutlich 1942, als Soldat einen ähnlichen Weg genommen hat, ist ihm erst später bewusst geworden. Zu Hause geredet wurde darüber nicht. „Ich will nicht sagen, dass ich etwas wiedergutmachen will. Wiedergutmachen kann man das nicht“, sagt er angesichts der Kriegsverbrechen der Deutschen. „Aber ich merke, dass es den Leuten guttut, wenn man mit ihnen spricht.“ Nach Rückkehr von seiner ersten Tour engagierte er sich in der Partnerschaft, arbeitete beim Beladen der Hilfskonvois mit, die damals auf die Krim fuhren. Seit einigen Jahren ist er zweiter Vorsitzender des Freundeskreises Heidelberg-Simferopol.

„Ich möchte etwas erleben auf meinem Reisen“, hatte er sich einmal vorgenommen, das ist ihm gelungen. In unterschiedlicher Begleitung und auf unterschiedlichen Routen hat er die strapaziöse Tour bewältigt, auf den Straßen waren den Pedalrittern die verwunderten und auch anerkennenden Blicke der Autofahrer sicher. Vielen freundlichen Menschen ist er begegnet. Er denkt an die spontanen Einladungen, an das Abendessen bei einem griechischen Popen, als alle aus derselben Schüssel aßen, er erinnert sich an die türkischen Familie, die ein Lamm für die Gäste schlachtete und immer wieder russische Gastfreundschaft mit Tee und Wodka und Krim- Wein.

„Positiv überrascht war ich bei Begegnungen mit Zeugen des Zweiten Weltkriegs: Wir hatten erwartet, dass besonders die älteren Leute abweisend sind – das Gegenteil war der Fall. Ich fand es toll, dass wir in ein Land kamen, das uns mit Freuden empfängt!“ Nach seiner Motivation gefragt, antwortet er: „Es ist eine Kombination aus hohem Erlebniswert, Freude an der Bewegung, umweltfreundlicher Mobilität und Beiträgen zur Städtepartnerschaft.“

Eine Liebesgeschichte ist noch zu erzählen. Bei Yalta beginnt sie. 1993 lernt der deutsche Krimradler die Russin Irina Pirogova kennen, die beiden verlieben sich, im Jahr darauf wird in Heidelberg geheiratet. Als das Paar 1997 zur Radreise aufbricht – auf die Krim, versteht sich – sitzt Töchterchen Petra, gerade einmal 16 Monate alt, im Fahrradanhänger. Eingepackt in einen Schlafsack, versorgt mit Wärmflaschen, denn es ist noch kalt im April, auch wenn die kleine Expedition eine südlichere Route durch die Schweiz, Italien, Griechenland und die Türkei wählt.

Im Vorfeld haben die Eltern mit dem Kinderarzt gesprochen. Der sah kein Problem, im Gegenteil: „24 Stunden mit beiden Eltern zusammen – etwas Besseres kann für die Entwicklung gar nicht passieren.“ Die kleine Familie fühlt sich als Nomaden auf Zeit. „Kinder der Nomaden kriegen ja auch keine Probleme“, sagen sich die Eltern. Einmal gibt es ein Zusammentreffen mit „richtigen“ Fahrenden, einer Roma-Sippe, die mit ihrem Planwägelchen am Straßenrand angehalten hat, weil ein Pferd beschlagen werden muss. Das blonde Mädchen im Fahrradanhänger ist im Nu umringt, wird von allen Seiten bestaunt, aus dem Wägelchen genommen und geherzt.

Als Petra drei Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Petra wuchs bei ihrem alleinerziehenden Vater auf. Inzwischen ist sie eine junge Dame geworden: „Ich habe keine Erinnerungen mehr, sagt sie auf die große Reise im Fahrradanhänger angesprochen, „aber ich muss mich wunderbar gefühlt haben!“

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