Befreiung oder Besetzung? – Kontrovers und emotional wurde in der Stadtbücherei über die Situation auf der Krim

Von Samuel Rieth

Das Literaturcafé der Stadtbücherei platzte aus allen Nähten: So viele Interessierte lockte die Podiumsdiskussion über die „Krim-Krise und Europa“ an, dass die Stühle und Bänke bei Weitem nicht für alle reichten. Die Veranstaltung wurde von den Heidelberger Grünen organisiert und von deren Europakandidatin Sandra Detzer moderiert.

Ihre eigene Meinung wollte Magdalena Melter, Vorsitzende des Freundeskreises Heidelberg-Simferopol, nicht kundtun – aus Angst vor „Nachteilen“, wie sie Valery Gergiev zu spüren bekommen habe: Der russische Dirigent soll die Leitung der Münchner Philharmoniker übernehmen, die Grünen im dortigen Stadtrat hatten ihn aber für „untragbar“ erklärt, sollte er sich weiter hinter die Politik Wladimir Putins stellen. Stattdessen las Melter einen Brief aus der Heidelberger Partnerstadt vor, der für die russische Mehrheit der Krim-Bewohner spreche. Russland beansprucht die Halbinsel nach einem umstrittenen Referendum für sich, was die Ukraine und der Westen als Völkerrechtsbruch ablehnen. Der Brief nennt diesen Anschluss eine „lang ersehnte Wiedervereinigung eines getrennten Volkes“, die eine „historische Ungerechtigkeit korrigiert“ habe: 1954 hatte der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow die Krim der Ukraine geschenkt.

Die Gegenposition nahm Ernst Lüdemann ein: Die russischen Medien hätten ein „Horror- und Propaganda-Gemälde“ von der Ukraine gezeichnet, sagte der Osteuropa-Historiker und Gründer der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar – und deutete sogar an, dass er Russlands „militärische Aggression“ für vergleichbar mit den „Heimholungen“ des „Dritten Reiches“ vor dem Zweiten Weltkrieg hält.

Gut tat der Diskussion deshalb Simon Weiß, der differenzierter argumentierte: „Deutschland teilt sich gerade in Russlandversteher und Russlandgegner – man muss beides sein“, sagte der Politologe, zu dessen Schwerpunkten die russische Außenpolitik gehört. Er riet der Europäischen Union, „die Hilfszahlungen an die Ukraine anzukurbeln“, dem Land aber klarzumachen, dass ein EU-Beitritt auf absehbare Zeit nicht in Frage komme. Die Europäer sollten nicht nur „die Gesprächskanäle mit Russland offenhalten“, sondern bräuchten auch dringend eine „pragmatische und kohärente Russland-Politik“.

Der Diskussion fehlte es nicht an spontanem Applaus und wütenden Zwischenrufen. Statt Fragen zu stellen, wollten nach der Eröffnungsrunde viele lieber selbst ihre Meinung sagen. Russland kam dabei selten gut weg, aber auch für den Westen hagelte es eine Menge Kritik. Über die ukrainische Interimsregierung machten sich ebenfalls die wenigsten Illusionen. „Alle haben dort Dreck am Stecken“, sagte ein Zuschauer: Die neuen Machthaber seien nicht weniger korrupt als die alten. Ein anderer warnte aufgebracht davor, die Welt könnte wie 1914 in einen Weltkrieg „schlafwandeln“.

Bei vielen Themen herrschte Uneinigkeit: Wie bedroht war Russisch als Amtssprache auf der Krim? Wie groß ist die Gefahr für die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol? Und wie ernst ist Julia Timoschenko zu nehmen, wenn sie sagt, dass sie die Russen samt Putin am liebsten erschießen würde?

Am Ende fragte eine Zuschauerin, ob es für den Westen nicht an der Zeit sei, sich ganz von Russland abzuwenden. „Es gibt keine Sicherheit in Europa ohne oder gegen Russland“, sagte Magalena Melter – und bekam dafür von vielen im Publikum Applaus.

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