Nach der Annexion der Krim durch Russland sind die Heidelberger immer noch an einer Partnerschaft mit Simferopol interessiert

Von Holger Buchwald

Während die ganze Welt gebannt auf den Konflikt in der Ostukraine schaut, ist es um die Schwarzmeerhalbinsel Krim still geworden. Nach der Annexion durch die Russische Föderation im März versuchen die Menschen in Heidelbergs Partnerstadt Simferopol (siehe Hintergrund) zur Normalität zurückzukehren. Magdalena Melter, Vorsitzende des Freundeskreises Heidelberg-Simferopol, kam vor wenigen Tagen von einem mehrwöchigen Aufenthalt auf der Krim zurück. Sie glaubt, dass die Freundschaft zwischen den beiden Städten eine Zukunft hat. Zugleich fordert sie aber auch ein Umdenken innerhalb ihres Vereins. Statt den Schwerpunkt – wie bisher – auf humanitäre Hilfe zu setzen, befürwortet sie eine Partnerschaft auf Augenhöhe.

„Die Euphorie der Märztage ist verflogen“, berichtet Melter. Die Menschen auf der Krim hätten sich von der „Rückkehr“ nach Russland viel versprochen, doch die Realität sei eine andere. Ganz besonders leide die Tourismusbranche. „Die Strände sind leer“, berichtet die Vorsitzende des Freundeskreises. Vier bis fünf Millionen ukrainische Urlauber fehlten in diesem Jahr an der Schwarzmeerküste. Trotzdem finde man auf der ehemals ukrainischen Halbinsel kaum Russlandgegner. Mehr als zwei Millionen ethnische Russen leben dort. Fast alle haben bereits neue Personalausweise. Die Reisepässe sollen bis Ende des Jahres folgen.

Seit 1. Juni „rollt“ der Rubel

Zwar sind die Lebensmittelpreise auf der Krim im Frühjahr um 20 bis 30 Prozent gestiegen, doch mit der Einführung des Rubel zum 1. Juni wurden auch die staatlichen Pensionen und Gehälter um das Doppelte bis Dreifache angehoben. Und es gibt in den Augen von Magdalena Melter noch mehr Anlass zum Optimismus. Um die Korruption wirksam zu bekämpfen, wurden beispielsweise die „Freiwilligenbeiträge“ in den Krankenhäusern abgeschafft. „Früher musste jede einzelne Leistung privat bezahlt werden“, berichtet Melter. Seitdem alle Direktoren der Kliniken durch neue ersetzt wurden und auch die Ärzte deutlich mehr verdienen, sind diese privaten Zahlungen aber strikt verboten. Melter macht diese Entwicklung am Beispiel Viktor Matvienkos deutlich, der mit dem zweiten Vorsitzenden des Freundekreises, Gerd Guntermann, vor einigen Jahren von Heidelberg auf die Krim radelte. Der Onkologe verdiente früher 2000 Griwna, also 180 bis 190 Euro oder 7500 Rubel. Heute bekommt er monatlich 23 000 Rubel überwiesen. „Auch die Patienten wundern sich, dass sie nichts mehr aus der eigenen Tasche bezahlen müssen“, sagt Melter. So ging es einer Bekannten, die einen neuen Herzschrittmacher bekam.

Am 14. September wird in der ganzen Russischen Föderation gewählt. Für das Krimparlament wird eine Frau kandidieren, die in Heidelberg eine gute alte Bekannte ist: Natalia Malenko ist Bürgermeisterin des Simferopoler Stadtteils Kiewski Rayon und hat die Partnerschaft mit Handschuhsheim mit initiiert. Sie tritt für die Putin-Partei „Einiges Russland“ an und will sich – laut Melter – um einen noch stärkeren Kontakt mit Heidelberg bemühen. Doch wie soll dieser aussehen? Darüber ist in Deutschland nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim ein heftiger Streit entbrannt.

„Wir wollen uns aus der großen Politik raushalten. Die Freundschaft besteht zu den Menschen in Simferopol und nicht zu den Politikern“, fordert Magdalena Melter. Ganz ähnlich sieht es die Stadt Heidelberg. „Die politische Entwicklung in der Ukraine ist sicherlich kritisch, und es gilt, die weiteren Entwicklungen abzuwarten“, so eine Stadtsprecherin: „Da die Partnerschaft aber mit der Stadt Simferopol und nicht wegen der Landeszugehörigkeit geschlossen wurde, wird diese weiter aufrechterhalten und gepflegt.“ Die Menschen dürften nicht die Leidtragenden politischer Konflikte sein.

Wer die Schwarzmeerhalbinsel besuchen will, muss derzeit über Moskau reisen. Nicht nur aus diesem Grund sind offizielle Besuche von Vertretern der Stadt Heidelberg für dieses Jahr nicht geplant. Ein Besuch von Simferopoler Schülern in Heidelberg musste wegen Visaschwierigkeiten abgesagt werden. Und auch die humanitäre Hilfe ist ins Stocken geraten. Die russische Seite hat zum Beispiel kein Interesse mehr an einem Hilfskonvoi, der für April nächstes Jahr geplant war: Ausrangierte medizinische Geräte aus der Unifrauenklinik sollten auf die Krim gebracht werden.

Das Heidelberg-Zentrum in Simferopol bleibt dennoch die Keimzelle der Freundschaft zwischen beiden Städten. Im August gab es gleich zwei Feste: Beim Sommerfest nahmen auch Vertreter von Universität und Stadt teil. Danach feierten die Minderheiten auf der Krim – Tataren, Deutsche, Griechen und Armenier – gemeinsam.

Inzwischen herrscht Frieden: Ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Gäste des Heidelberg-Zentrums lauschen beim Sommerfest den Klängen eines Barden (oben). Im März sah das noch anders aus: Bei einer Massendemonstration vor dem Krimparlament kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Tataren und Russen (unten links). Soldaten ohne Abzeichen kontrollierten damals die Stadt. Fotos (3): Kadnikov

Inzwischen herrscht Frieden: Ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Gäste des Heidelberg-Zentrums lauschen beim Sommerfest den Klängen eines Barden (oben). Im März sah das noch anders aus: Bei einer Massendemonstration vor dem Krimparlament kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Tataren und Russen (unten links). Soldaten ohne Abzeichen kontrollierten damals die Stadt. Fotos (3): Kadnikov


HINTERGRUND

Simferopol ist die Hauptstadt der Krim und war als politisches Zentrum im Februar und März Schauplatz zahlreicher Auseinandersetzungen undGroßkundgebungen. Die Stadt hat rund 340000 Einwohner und liegt im Landesinneren, am Salhyr, dem größten Fluss der Krim. Über die Bevölkerungszusammensetzung kursieren unterschiedliche Zahlen. Fest steht, dass ethnische Russen die Mehrheit bilden. Die Angaben schwanken zwischen 60 und 80 Prozent. Bis 1954 gehörte die Krim zu Russland. Unter Nikita Chruschtschow wurde sie aber der Ukraine übertragen. Am 2. November 1991 wurde der Partnerschaftsvertrag zwischen Heidelberg und Simferopol unterzeichnet. Seit mehr als 20 Jahren pflegen zudem die Stadtteile Handschuhsheim und Kiewski Rayon einen intensiven Austausch. MLP Gründer Manfred Lautenschläger ließ im Jahr 2000 auf Anregung des Freundeskreises Heidelberg-Simferopol das Heidelberg-Zentrum bauen. Es war ursprünglich als sozialer Treffpunkt für ehemalige Zwangsarbeiterinnen gedacht, die während des Dritten Reiches in Deutschland ausgebeutet und nach ihrer Rückkehr in die Ukraine von Stalin als politische Kollaborateure verfolgt worden waren. Längst hat sich das Haus zu einem blühenden soziokulturellen Zentrum entwickelt. hob

Advertisements