Rhein Neckar Zeitung vom 23.08.2015, 06:00 Uhr
Trotz Krim-Konflikt versucht der Freundeskreis die Kontakte mit der Heidelberger Partnerstadt Simferopol zu pflegen – Bericht von einer Bürgerreise
Von Holger Buchwald

Besuch Magdalena Melter/ v.l.: Anna Kuntsova/ Bodo Strehlow/ Elisabeth Gruen/ Magdalena Melter/ Sylvia Schoenemann

Trafen sich vor der RNZ-Redaktion Anna Kuntsova aus Simferopol und die Krim-Reisenden Bodo Strehlow, Elisabeth Grün, Magdalena Melter und Sylvia Schönemann. Foto: Hentschel

Faktisch lag die Städtepartnerschaft zwischen Simferopol auf der Krim und Heidelberg mehr als ein Jahr auf Eis. Nachdem die Schwarzmeerhalbinsel im Februar letzten Jahres von russischen Soldaten ohne Abzeichen besetzt worden war und sich die Menschen dort in einer umstrittenen Volksabstimmung für den Anschluss an die Russische Föderation ausgesprochen hatten, gab es keine offiziellen Kontakte mehr. Doch die Freundschaft zwischen den Menschen besteht fort: Der Stadtteilvereinsvorsitzende von Handschuhsheim, Gerhard Genthner, reiste auf die Krim (siehe weiteren Artikel auf dieser Seite). Zudem bot der Freundeskreis Heidelberg-Simferopol eine zweiwöchige Bürgerreise an. Und – immerhin – eine Jugendliche aus der ehemals ukrainischen Partnerstadt, Anna Kuntsova (15), war jetzt sogar zu Besuch in Heidelberg und nahm hier an der International Summer Science School teil.
„Wir sind Sanktionsbrecher“, sagt Bodo Strehlow, der zusammen mit anderen Deutschen im Heidelberg-Zentrum in Simferopol an einem Russischkurs teilnahm. Auch fast zwei Monate danach ist er immer noch begeistert von der Krim und den Menschen – ebenso wie seine Mitreisenden, Elisabeth Grün und Sylvia Schönemann, die wie Strehlow zum ersten Mal in der Partnerstadt waren. Sie hätten keinerlei Schwierigkeiten gehabt, um an ihr Visum zu kommen – auch wenn die russische Botschaft die letzte Gehaltsabrechnung verlangt habe.
Die Deutschen flogen mit Zwischenstopp in Moskau nach Simferopol. In der Gegenrichtung war der Besuch von Anna Kuntsova in Deutschland ungleich schwieriger. Die Bewohner der Krim haben meist schon russische Pässe, doch damit dürfen sie nicht in die Europäische Union einreisen. Nur weil sie noch ihren alten, ukrainischen Kinderpass hat, konnte die 15-jährige Simferopolerin nach Heidelberg kommen. Dafür musste sie bei der Botschaft in Kiew – nach Vorlage einer Einladung aus Heidelberg – ein Visum beantragen. Sie ist die Einzige, die in diesem Jahr diese Hürden genommen hat. Ursprünglich wollten noch zwei weitere Schüler aus Simferopol an der Summer Science School teilnehmen.
Die Deutschen blieben bei ihrer Krim-Reise hingegen unbehelligt. „Ich hatte zwei Laptops dabei. Das hat keinen interessiert“, sagt Strehlow, der als IT-Fachmann arbeitet. Viele Menschen auf der Krim, so der einhellige Tenor der Reisegesellschaft, seien ganz aus dem Häuschen gewesen, dass sich nach so langer Zeit wieder eine kleine Delegation von Deutschen in Simferopol blicken ließ. Dementsprechend groß war die Feier, mit der die Gruppe nach ihrer Ankunft im Heidelberg-Zentrum begrüßt wurde. Ein Männerchor sang für die Freundeskreisvorsitzende Magdalena Melter, die an diesem Tag Geburtstag feierte. Unmengen von Essen wurden aufgetischt.
Nicht nur im Heidelberg-Zentrum, das vom Freundeskreis betrieben wird, seien sie mit offenen Armen empfangen worden, berichtet Elisabeth Grün. Sie selbst nahm nicht am Russisch-Kurs teil und schweifte ohne jegliche Sprachkenntnisse durch die Stadt. Die Adressen, zu denen sie hinwollte, ließ sie sich zur Sicherheit auf Kyrillisch auf einen Zettel schreiben. Einmal, als sie ihn vorzeigen musste, habe sich gleich eine Menschentraube um sie gebildet. „Einer der Männer konnte ein wenig Deutsch. Er sagte mir, ich solle zu Hause allen erzählen, wie gut es den Menschen jetzt gehe, und dass sie nicht besetzt worden seien.“ Auch die anderen Reisenden berichten, dass dies die Grundeinstellung der allermeisten Menschen in Simferopol widerspiegele: Sie fühlten sich zu Hause. In Russland.
Anna Kuntsova hingegen erzählt, dass der „Anschluss“ durchaus für die Menschen auf der Krim eine Umstellung gewesen sei. Der Lehrplan für ihr Gymnasium habe sich geändert. Früher sei dort nur auf Ukrainisch unterrichtet worden. Heute gebe es drei Parallelklassen – in Zweien werde der Unterricht auf Russisch, in einer auf Ukrainisch gehalten. Als Kuntsova vor Kurzem ihre Mittlere Reife ablegte, bekamen die Einwohner der Krim nur eine vereinfachte Klausur. „Darauf stand, dass sie für Kranke, Lernbehinderte und Schüler der Krim sei“, berichtet Anna, die selbst sowohl ukrainische als auch russische Wurzeln hat.
„Die Regale in den Supermärkten sind voll. Und dort gibt es sowohl europäische wie auch russische Waren“, berichtet hingegen Strehlow Positives. Er ärgert sich über die „Negativpropaganda“ deutscher Medien: „Die Deutschstudenten in Simferopol sind entsetzt, was hierzulande über die Krim berichtet wird.“ Zudem verstehe er nicht, warum es zwischen den beiden Städten derzeit keine offiziellen Kontakte gibt. Schließlich seien die Oberbürgermeister in Heidelberg und Simferopol immer noch die Gleichen.
Sylvia Schönemann schwärmt von den Ausflügen nach Jalta, nach Bachtschyssaraj und nach Jevpatorija und Melter freut sich, dass auch dank des Engagements des Freundeskreises die Wanderausstellung „Die Krim, Zeichnungen und Aquarelle“ im Ethnografischen Museum in Simferopol zu sehen war. Bei den Bildern handelt es sich um Werke von Sigmund Strecker, einem deutschen Künstler, der als Wehrmachtssoldat auf der Krim war. Das Heidelberg-Zentrum funktioniere nach wie vor – als Treffpunkt für die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und als soziokulturelles Zentrum für andere Gruppen. Und auch wenn der Transfer von Geldleistungen kaum mehr möglich sei, verfüge der Freundeskreis noch über Reste aus Spenden der Manfred-Lautenschläger-Stiftung.
Die Partnerschaft kann fortbestehen, glaubt Melter, wenn man sich von der großen Politik löse. Und wenn man Anna die Frage stellt, woher sie kommt, antwortet sie immer dasselbe: „Ich bin von der Krim.“ Ob das nun in Russland liegt oder in der Ukraine, ist für sie ohne Belang. Sie würde gerne in Deutschland zur Schule gehen. Wenn das irgendwann mal wieder möglich sein sollte.

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